Leben mit einer K-PTBS

Warum Ruhe sich manchmal gefährlich anfühlt

5 bis 19 Grad

Mein Kopf wollte Ruhe. Mein Körper nicht.

Hallo du liebe Seele 🤍

Viele Menschen wünschen sich Ruhe.
Ich auch.

Und doch fühlt sie sich für mich manchmal alles andere als angenehm an.

Lange dachte ich, Ruhe müsste automatisch guttun. Heute weiss ich: 

Mein Kopf wollte Ruhe, mein Körper konnte sie nicht halten.

Stell dir vor, es ist endlich Feierabend. Der Tag war anstrengend und du freust dich einfach auf einen gemütlichen Abend auf dem Sofa. Bequeme Kleidung, etwas Leckeres zu trinken, vielleicht noch was zu knabbern. Die Lieblingsserie läuft oder ein gutes Buch liegt bereit.

Es könnte so entspannt sein.

Könnte.

Denn plötzlich stupst dich dein Partner an und sagt genervt: „Halt mal still, das nervt.

Du schaust irritiert. Er legt die Hand auf dein Oberschenkel und drückt ihn runter.

Darum. Dieses Wippen.“

Erst dann merkst du es. Die Beine hören kurz auf. Dafür spannt sich innerlich alles an. Im Kopf werden Stimmen laut, sie wollen den Körper kontrollieren. Du hörst wie sie schimpfen: „Reiss dich zusammen. Sitz still. Entspann dich endlich.

Doch nichts davon hilft.

Ich bin auch heute noch oft unter Strom. Angespannt. Wachsam. Immer auf der Hut.

Vor was eigentlich? Rein rational weiss ich: Ich bin sicher. Mein Nervensystem sieht das manchmal anders.

Stille war für mich nicht leer, nie, sondern laut.

Ruhe, Pausen oder Müdigkeit machen mich bis heute oft nervös. Ich bin nicht gerne müde. Tagsüber einzuschlafen fühlt sich unangenehm an. Ruhe ist für mich nicht automatisch ein sicherer Zustand.

Heute kann ich Pausen machen. Die Unruhe ist nicht mehr so laut wie noch vor ein paar Jahren. Manchmal kann ich Ruhe sogar geniessen. Aber Müdigkeit oder Erschöpfung sind noch immer schwierig. Denn dann habe ich Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Heute weiss ich zumindest, was dahinter steckt. Nämlich, wenn man lange im Überlebensmodus war, fühlt sich Anspannung oft vertrauter an als Frieden.

Ich habe mich mein Leben lang gefragt, warum mein Körper so reagiert. Warum ich in Ruhe unruhig werde.

Erst in der Traumatherapie verstand ich: 

Ständige Anspannung war für mich Normalzustand geworden.

Wenn ein Nervensystem seit der Kindheit Alarm kennt, dann fühlt sich Entspannung oft fremd an. In der Ruhe werden Gefühle spürbar. Gedanken tauchen auf. Erinnerungen kommen manchmal wie aus dem Nichts.

Viele Ablenkungen fallen weg.

Dann läuft zwar der Film, aber ich bekomme nichts mit. Ich lese Seiten in einem Buch und merke plötzlich: Ich habe keine Ahnung, was ich gerade gelesen habe.

Mein Körper bleibt wachsam, obwohl keine Gefahr da ist.

Und das zeigt sich nicht nur am Abend. Auch freie Tage konnten mich lange stressen. Einfach nichts tun? Schwierig.

Dann wurde gelesen, geputzt, fotografiert, geschrieben, aufgeräumt. Irgendetwas musste immer sein.

Sobald im Aussen nichts mehr los war, kam sie: die Unruhe.

Bei Trauma kann das autonome Nervensystem länger in Alarmbereitschaft bleiben. Ruhe wird dann nicht automatisch als sicher interpretiert. Das wird in der Traumaforschung beschrieben, u.a. im Kontext von Hypervigilanz und Stressreaktionen. 

Stephen Porges

Lange hielt ich das für einen Charakterzug. Ich bin halt fleissig. Produktiv. Immer in Bewegung.

Als Kind wurde das gelobt. Später wurde es kritisiert. In Beziehungen, im Alltag, manchmal auch im Job.

Da begann ich zu glauben, das mit mir etwas nicht stimmt.

Heute sehe ich es anders.

Mein Körper wollte mich nicht sabotieren. Er wollte mich schützen.

Und ja, oft tut er das noch immer. Aber leiser als früher.

Heute weiss ich: 

Mein Körper wollte mich nie sabotieren.

Er wollte mich schützen.

Und vielleicht darf ich nun langsam lernen, dass Ruhe nichts Bedrohliches mehr sein muss. 🤍

Alles Liebe, Alexandra

2. Teil: Ich dachte ich sei einfach falsch

6 Gedanken zu „Warum Ruhe sich manchmal gefährlich anfühlt“

  1. Liebe Alexandra,

    ein sehr inspirierender und wichtiger Beitrag.
    Und ich kann das was Du geschrieben hast sehr gut verstehen. Auch ich musste über viele Jahre und Therapiestunden lernen, dass Ruhe nicht unangenehm sein muss. Heute kann ich Ruhe wirklich genießen, aber auch nicht immer. Manchmal fühlt sich Ruhe auch für mich unangenehm, sogar gefährlich an. Ich habe schon Meditationen abgebrochen, weil ich spürte, dass sie mir überhaupt nicht gut tun. Aber mittlerweile ist das okay. Als ich mit Meditation anfing habe ich mich zuweilen echt „durchgebissen“ und es tat mir überhaupt nicht gut bewusst still und ruhig zu sein. Aber ich dachte: „Ich muss jetzt ruhig sein. ich muss mich auf meinen Atem konzentrieren…“ Heute weiß ich es besser: Ich muss gar nichts. Wenn mein Körper mir das Signal gibt, dass es besser ist in Bewegung/ in Aktivität zu sein, dann höre ich darauf. Und manchmal finde ich Ruhe auch einfach beim joggen und/ oder spazieren gehen. Ruhe heißt ja nicht automatisch still zu sitzen oder still zu liegen. Ruhe darf auch in Bewegung/ in Aktion passieren. Ruhe hat für mich nichts mit Bewegung des Körpers zu tun, sondern mit klaren Gedanken. Mit Stille im Kopf. Damit keine unangenehmen Gefühle von früher zu erleben. Anspannung hat sich auch für mich immer vertrauter angefühlt als Entspannung- ich musste es über viele Jahre lernen und bin immer noch dabei. Ich glaube, dass ist ein lebenslanger Lernprozess. aber mit jedem weiteren Tag, an dem ich spüre, dass sich auch Entspannung sicher anfühlen kann werde ich leichter. Mein Kopf klarer. Meine wahren Gefühle sichtbarer. Und das ist ein wundervolles Gefühl.

    Ich wünsche Dir einen schönen 1. Mai 🌞😎

    1. Liebe Anja,

      oh, ich danke dir für deine lieben Worte. Schön das ich dich inspirieren konnte ☺️

      Oh, das Thema Meditation kenn ich. Das funktioniert auch nicht wirklich. Es ist so anstrengend und nervenaufreibend. Ich reguliere mich anders besser, aber das musste ich erst rausfinden. Für mich ist Musik sehr viel besser und die Bewegung. Mediation…. sehr schwierig.

      Genau, wie müssen gar nichts!

      Die Ruhe die ich hier anspreche, hat schon was mit eben zur Ruhe kommen zu tun. Einfach die Ruhe geneissen, liegen oder sitzen, film gucken, lesen, what ever… Bewegung, Musik … ect. hat für mich was mit Regulation zu tun, ja, die kann auch ruhe bringen. Aber ich mein eben das andere.

      Ja, denke auch das wir da unser Lebenslang im Lernprozess sind. Mal wird es besser, mal wieder nicht. Vielleicht ist es halt einfach so das es immer bleibt, einfach unterschiedlich stark.

      Ich hoffe du hattest einen schönen 1. Mai und kannst jetzt entspannt ins Wochenende Starten. 😉

  2. Ich kann zB nicht meditieren (und auch nicht gut still liegen) – darum spiele ich am PC einfache Spiele zum Entspannen. Auch beim Stricken würde ich in den Flow kommen, doch für die komplizierten Muster, die mich interessieren, fehlt mir die Zeit.

    1. Oh, ja, schwieriges Thema. Ich habs aufgegeben. Hat mich nur noch mehr getriggerte. Dachte immer ich sei zu doof für… Aber jetzt versteh ich den Zusammenhand. kannst ja später mal versuchen wenn mein Nervensystem stabiler ist. Gut, wenn du komplizierte Muster hast musst du den Kopf gut beisammen haben, sonst machst Fehler. Und das regt dann wieder auf, nichts Flow. 🫣

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