📅 12. September 2026
🌤️ Angst darf da sein., 8-23 °C
Hallo mein lieber Büchersuchti 🤍
Ja, heute ist es soweit. Nicht nur, dass ich seit langem wieder mal einen Buchbeitrag schreibe, nein, ab jetzt gibt es bei mir auch keine klassischen Rezensionen mehr, sondern Buchbegegnungen. Denn das liegt mir viel mehr an statt die klassische Rezension. Was ich damit meine, werdet ihr gleich erkennen. Und ich hoffe das euch meine neue Art Bücher vorzustellen, genau so gut gefällt wie die früheren Rezensionen.
Es wird 2 verschiedene Buchbegegnungen geben, einmal eine für Sach- & Fachbücher und eine für Romane.
Aber nun zur Begegnung mit dem ersten Buch im neuen Stil 😉
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📖 Warum dieses Buch bei mir gelandet ist
Ich war auf der Suche nach einem Buch, das sich grundsätzlich mit dem Thema Trauma beschäftigt, aber nicht nur theoretisch erklärt, was Trauma eigentlich ist. Ich wollte tiefer graben und vor allem verstehen, was dabei mit dem Nervensystem passiert.
Wie wird ein Nervensystem beeinflusst? Welche Auswirkungen kann das auf mich selbst haben? Und warum reagiere ich vielleicht manchmal so, wie ich reagiere? Aber vor allem auch: Wie entsteht ein Nervensystem überhaupt, was beeinflusst es und wie wird es durch Handlungen und Situationen geprägt?
Gleichzeitig hatte ich auch meinen Freund ein bisschen im Hinterkopf. Nicht im Sinne von „Hier, lies das, damit du mich endlich verstehst“, sondern eher als Möglichkeit. Wenn ihn das Thema irgendwann wirklich interessiert, könnte er sich selbst damit beschäftigen und verstehen, wie ein Nervensystem überhaupt entsteht, wodurch es geprägt wird und was passiert, wenn ein Mensch Trauma in sich trägt.
Aus der Hirnforschung wissen wir, dass sich alte Erfahrungen nicht löschen lassen. Die ursprünglichen Pfade und Muster werden immer bleiben. Aber wir können neue Wege beschreiten und alten mit der Zeit „überwuchern“ lassen – wie Strassen, die nicht mehr genutzt und langsam von Natur wieder in Besitz genommen werden. Neue Wege anzulegen dauert. Sie wollen gebahnt und ausgetreten werden, bis sie uns ganz vertraut sind und wir uns sicher fühlen.
✨ Warum ich dieser Autorin zuhören wollte
Dami Charf kannte ich schon ein wenig durch ihren Newsletter und ihre Videos auf YouTube. Ich wusste deshalb bereits, dass sie Trauma ganzheitlich betrachtet und dabei auch das Nervensystem mit einbezieht.
Genau das hat mich neugierig gemacht.
Denn obwohl ich mich schon länger mit dem Thema Trauma beschäftige, war das Nervensystem für mich bisher eigentlich nie Thema. Auch in meinen Therapien wurde darüber nicht gesprochen. Auch Körperarbeit spielte keine Rolle.
Ich wollte deshalb nicht nur noch mehr theoretisches Wissen über Trauma sammeln, sondern dieses fehlende Puzzleteil einmal genauer verstehen. Und dafür wollte ich tatsächlich etwas in der Hand haben, in dem ich immer wieder nachlesen kann.
Was mir ausserdem gefällt: Das Buch ist nicht nur für Menschen interessant, die selbst Trauma verstehen möchten. Es erklärt auch ganz grundsätzlich, wie sich unser Nervensystem entwickelt und wie Erfahrungen es beeinflussen können.
Damit kann eigentlich jeder etwas daraus mitnehmen.
🥹 Mein erster Eindruck
Mein erster Eindruck war eine Mischung aus:
„Das wusste ich irgendwie schon.“
Und:
„Aha … so ist das also.“
Vieles war für mich nicht völlig neu. Manches wusste ich vielleicht tatsächlich schon, anderes hatte ich vermutlich eher intuitiv erfasst. Aber das Buch hat vieles miteinander verbunden und erklärt.
Und genau das war für mich wertvoll.
Immer wieder hatte ich beim Lesen das Gefühl:
„Danke. Jetzt hat das, was ich fühle, endlich mal Worte bekommen.“

🪶 Ein Gedanke, der geblieben ist
Eigentlich sind es sogar mehrere Dinge, die bei mir hängen geblieben sind.
Zum einen die Erkenntnis, wie wichtig es ist, eigene Bedürfnisse und Grenzen überhaupt wahrzunehmen und zu fühlen und sie dann auch äussern zu können.
Dann hat mich auch sehr beschäftigt, wie tief Scham reichen kann. Ich weiss aus meinem eigenen Erleben, wie sehr Scham mich beeinflusst. Darüber habe ich ja auch schon einen Blogbeitrag geschrieben. Aber zu verstehen, warum sie so tief sitzt und weshalb es so schwer sein kann, sie aufzulösen, ist noch einmal etwas ganz anderes.
Und dann ist da noch etwas, das während des Lesens immer wieder in meinem Kopf auftauchte: Vielleicht wäre eine Therapie, die stärker mit dem Nervensystem und mit Körperarbeit arbeitet, ein nächster Schritt für mich.
Gleichzeitig macht mir genau das auch Angst. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich bisher noch gar nicht weiter nach einer neuen Therapeutin oder einem neuen Therapeuten gesucht habe.
Das Buch hat also nicht einfach eine fertige Lösung geliefert. Es hat eher eine neue Tür geöffnet, vor der ich gerade noch ein bisschen stehe.
Das Fatale an toxischer Scham ist nämlich, das sie uns taub macht für die freundlichen Botschaften unserer Mitmenschen, Freunde und Partner. Die innere Überzeugung der Wertlosigkeit kann alles überlagern, was wir heute Erfahren. Wir wehren neue und schöne Erfahrungen ab und lassen sie nicht an uns heran. Das ist verhängnisvoll, weil es verhindert, der Schamfalle zu entkommen. Nur wenn wir lernen, den wohlwollenden und liebevollen Worten anderer zuzuhören und ihre Bedeutung zu fühlen, können wir diese tiefe alte Wunde langsam heilen. Leider kommt dabei der Schmerz von früher mit ans Tageslicht, und das tut wirklich weh.
🙂↕️ Wo ich genickt habe
Vor allem in den Kapiteln über Bindung und Beziehung habe ich immer wieder gedacht:
„Ja, genau das bin ich.“
Natürlich nicht bei allem und nicht bei jeder Beschreibung. Aber in vielen Bereichen hat Dami Charf sehr gut erklären können, was in mir passiert.
Sie beschreibt verschiedene Bindungsmuster und was sichere Bindung bedeutet, aber auch, was passieren kann, wenn diese Sicherheit fehlt.
Gerade das Thema Sicherheit hat mich immer wieder abgeholt.
Es war eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Je nachdem, was gerade beschrieben wurde, habe ich mich an unterschiedlichen Stellen wiedererkannt.
Der Wunsch nach Kontrolle entspringt sehr häufig der Erfahrung von Kontrollverlust – und hier beisst sich die Katze in den Schwanz: Je stärker Menschen alles überwachen müssen, desto häufiger werden sie die Erfahrung machen, die Herrschaft zu verlieren.
🤔 Wo ich widerspreche oder Fragen habe
Einen wirklichen Widerspruch hatte ich beim Lesen eigentlich nicht.
Was ich vielmehr verstanden habe, ist, wie unterschiedlich ein Nervensystem reagieren kann.
Ich hatte mich nämlich schon öfter gefragt, ob ich vielleicht gar nicht so stark traumatisiert sein kann, weil ich an manchen Stellen ganz anders reagiere als jemand, der ebenfalls ein Bindungstrauma hat.
Aber nur weil ich eine andere Reaktion zeige, bedeutet das nicht, dass da kein Trauma ist.
Nicht jeder Mensch entwickelt die gleichen Strategien.
Zu erkennen, dass auch meine Reaktionen eine Überlebensstrategie ist, hat etwas in mir verändert. Vielleicht nicht meine Reaktionen selbst, aber doch meinen Blick darauf.
Und irgendwie hat es gutgetan, zu erkennen:
Ich stelle mich nicht einfach an.
Mancher Selbstzweifel und auch ein Stück Selbstkritik wurden dadurch zumindest ein wenig leiser.
🪷 Was ich daraus mitnehme
Ich nehme vor allem eine differenziertere Sicht auf meine eigenen Reaktionen mit.
Nicht, weil mir das Buch erst gezeigt hätte, dass hinter meinen Reaktionen etwas steckt. Das weiss ich längst und ich beschäftige mich schon lange damit, meine eigenen Reaktionen verstehen zu lernen und zu reflektieren.
Was mir das Buch aber noch einmal viel verständlicher gemacht hat, sind die Zusammenhänge und die Unterschiede darin, wie sich Trauma zeigen kann. Ähnliche Erfahrungen müssen nicht zwangsläufig zu den gleichen Reaktionen oder Strategien führen. Menschen können ganz unterschiedliche Ausprägungen entwickeln, auch wenn die zugrunde liegenden Erfahrungen sich ähneln.
Gerade das war für mich wichtig. Ich habe mich manches Mal mit anderen Menschen verglichen und gedacht: „Ich reagiere da ganz anders. Vielleicht bin ich ja gar nicht so schlimm dran.“
Zu verstehen, dass unterschiedliche Strategien nicht bedeuten, dass eine davon weniger traumatisch oder weniger bedeutsam ist, hat bei mir etwas von der Selbstkritik und den Zweifeln genommen.
Ich kann manche meiner eigenen Reaktionen dadurch heute etwas differenzierter einordnen. Nicht, weil ich jetzt plötzlich milder mit mir selbst umgehen kann. Das fällt mir gerade in schwierigen Situationen immer noch sehr schwer. Aber ich habe einen weiteren Blick darauf bekommen.
Und genau das nehme ich aus diesem Buch mit.

🤍 Für wen könnte dieses Buch etwas sein?
Ich würde dieses Buch natürlich Menschen empfehlen, die selbst von Trauma betroffen sind. Gerade weil es ein tieferes Verständnis vermittelt und das Nervensystem eine so wichtige Rolle bekommt, die in meiner bisherigen Auseinandersetzung mit dem Thema oft gar nicht zur Sprache kam.
Aber auch Angehörige, Partner und Freunde von Traumabetroffenen können meiner Meinung nach viel daraus mitnehmen.
Dami Charf hat die Fähigkeit, Abläufe, Muster und die Grundlagen des Nervensystems so zu erklären, dass man besser verstehen kann, wie ein traumatisiertes Nervensystem funktioniert.
Und dadurch vielleicht auch, warum ein Partner oder Freund manchmal so reagiert, wie er reagiert.
Auch Eltern könnten meiner Meinung nach etwas daraus mitnehmen. Wer verstehen möchte, wie sich ein Nervensystem entwickelt und welchen Einfluss die eigenen Handlungen und Beziehungen darauf haben können, findet hier einiges zum Nachdenken.
Und eigentlich würde ich das Buch noch weiter empfehlen:
Allen, die sich selbst ein bisschen besser verstehen möchten.
Denn man muss nicht selbst traumatisiert sein, um etwas daraus zu lernen.
☕ Mein Gefühl nach dem Zuschlagen
Ich möchte an diesem Thema dranbleiben.
Und ich denke, das ein oder andere Buch, das Dami Charf vorstellt, werde ich mir noch genauer anschauen.
Denn ich habe das Gefühl, dass da noch einiges für mich zu entdecken ist.
Und vielleicht kann dieses Wissen tatsächlich einiges bewirken oder verändern.
Ich wünsche dir ein wunderschönes und erholsames Wochenende, und wir lesen uns bald wieder.
Auf all die Welten, Geschichten und Leben, die uns berühren, verzaubern und zu Tränen rühren …
