📅 27. August 2026
⛅️ Was ist das schwühl, 16-30 °C
Hallo du liebe Seele 🤍
Letzte Woche habe ich über Ruhe und Erholung geschrieben. Und beim Schreiben und auch danach ist mir wieder einmal aufgefallen, wie eng mein Gefühl von Ruhe mit meinem Gefühl von Sicherheit verbunden ist.
Denn wenn etwas offen bleibt, fällt mir genau diese Sicherheit oft schwer.
Was passiert dann in mir, wenn etwas offen bleibt?
Wenn ich nicht weiss:
- warum jemand etwas gesagt hat.
- was jemand wirklich gemeint hat.
- ob ich etwas falsch gemacht habe.
- ob eine Situation jetzt gut oder schlecht ist.
- was als Nächstes passiert.
- warum ich selbst gerade so reagiere.
- wenn ein Thema offen bleibt, zumindest für mich.
Dann kann sich das für mich wirklich schlimm anfühlen.
Denn …
Nichtwissen bedeutet Unsicherheit.
Dann versucht mein Hirn, die Lücken zu füllen. Es geht hunderte von Möglichkeiten durch.
- Was ist, wenn …?
- Was, wenn es doch anders ist?
- Was passiert dann?
- Ist es jetzt gut?
- Oder habe ich den Schuss nicht gehört?
- Habe ich auf das Gesagte falsch reagiert?
- Was bedeutet das jetzt für mich, für uns?
Mein Kopf versucht, aus Nichtwissen Wissen zu machen. Und wenn er keines bekommt, produziert er Möglichkeiten.
Und zwar nicht nur eine.
Er produziert alle möglichen Erklärungen, Szenarien und Varianten.
Und plötzlich habe ich nicht mehr eine offene Frage im Kopf, sondern zehn.
Keine davon ist bestätigt. Aber jede einzelne könnte theoretisch stimmen.
Und genau da wird es paradox: Mein Kopf versucht eigentlich, Unsicherheit zu reduzieren, und erzeugt dabei noch mehr Unsicherheit.
Unsicherheit bedeutet fehlende Vorhersagbarkeit.
Und ich, oder besser gesagt mein Nervensystem, braucht Vorhersehbarkeit.
Für mich gehören dabei Kontrolle, Handlungsfähigkeit und Vorhersehbarkeit zusammen, aber sie sind nicht dasselbe.
Wenn etwas vorhersehbar ist, kann ich mich darauf einstellen. Ich kann mich vorbereiten. Ich kann überlegen, was ich sagen oder tun möchte. Ich kann entscheiden, wie ich damit umgehen will.
Aber warum kann fehlende Vorhersagbarkeit für ein traumatisiertes Nervensystem eigentlich so schwierig sein?
Wenn ein Nervensystem in der Vergangenheit gelernt hat, dass Dinge plötzlich kippen können, dass Situationen unerwartet werden können oder dass man auf etwas reagieren muss, bevor man überhaupt weiss, was passiert, kann Unsicherheit besonders schwer auszuhalten sein.
Es geht dabei nicht darum, dass mein Gehirn kaputt ist. Im Gegenteil. Es versucht, mich zu schützen.
Wenn ich nicht weiss, was kommt, kann ich mich nicht darauf vorbereiten. Und wenn ich mich nicht vorbereiten kann, fehlt mir ein Stück Handlungsfähigkeit.
Also beginnt mein Kopf zu suchen. Nach Hinweisen. Nach Mustern. Nach Erklärungen. Nach dem, was als Nächstes passieren könnte.
Und wenn keine eindeutige Information da ist, versucht er, die Lücke selbst zu füllen.
Mein Kopf versucht also, aus Nichtwissen Wissen zu machen. Und wenn er keines bekommt, produziert er Möglichkeiten.
Damit habe ich vielleicht ein Stück weit Kontrolle und vor allem ein Stück Handlungsfähigkeit.
Aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt.
Denn was danach passiert, kann ich nicht planen.
Ich kann mich auf ein Gespräch vorbereiten, mir überlegen, was ich sagen möchte, vielleicht sogar einen Gesprächsleitfaden schreiben.
Aber was mein Gegenüber sagen wird, wie es reagieren wird und was danach passiert, weiss ich trotzdem nicht.
Und genau da beginnt für mich dieses Ausharren.
Wenn ich weiss, was passiert, kann ich warten.
Das Warten selbst ist dann gar nicht unbedingt das Problem.
Schwierig wird es für mich, wenn ich warten muss, ohne zu wissen, worauf ich eigentlich warte.
Dann fühle ich mich unsicher, ängstlich, manchmal verwirrt und schutzlos.
Denn ich kann nichts machen.
Nur ausharren.
Es auf mich zukommen lassen.

Und genau da wird es schwierig. Denn ich kann eben nicht einfach darauf vertrauen, dass es gut kommt. Wenn ich nicht weiss, was passieren wird, malt mein Kopf sich eher aus, was alles schiefgehen könnte.
Was könnte die schlimmste Reaktion sein? Was, wenn ich etwas falsch gemacht habe? Was, wenn ich etwas übersehe? Was, wenn es ganz anders kommt, als ich hoffe?
Mein Kopf versucht also nicht nur, die Zukunft vorherzusagen. Er versucht, mich auf möglichst viele Szenarien vorzubereiten. Und besonders gerne auf die, vor denen ich Angst habe.
Vielleicht ist genau das der Versuch, aus dem Gefühl des Ausgeliefertseins wieder ein kleines bisschen Handlungsfähigkeit zu machen. Wenn ich schon nicht weiss, was passiert, dann möchte ich wenigstens vorbereitet sein auf das, was passieren könnte.
Aber irgendwann ist es keine Vorbereitung mehr. Dann ist es der Versuch, durch Denken eine Sicherheit herzustellen, die ich in diesem Moment nicht habe.
Und genau deshalb kann fehlende Vorhersagbarkeit für mein System nicht nur unangenehm, sondern manchmal sogar bedrohlich sein.
Warum bedrohlich?
Weil ich mich ausgeliefert und schutzlos fühle.
Kennst du das Gefühl, wenn man sich ausgeliefert fühlt?
Das ist wirklich kein schönes Gefühl. Es kratzt an der Existenz.
Und je länger dieser Zustand anhält, desto grösser wird das Gefühl. Dann gesellen sich Ängste dazu und bauen einen enormen inneren Druck auf.
Und wenn dann keine Erleichterung durch eine Auflösung kommt, beginnt der Teufelskreis.
- Je grösser das alles wird, desto mehr beginne ich nach Sicherheit zu suchen.
- Und je mehr ich nach Sicherheit suche, desto mehr versucht mein Hirn, die offenen Lücken zu schliessen.
- Da es aber keine Bestätigung bekommt, dreht es weiter.
Und all das schaukelt sich auf.
Stunden. Tage. Wochen.
Manchmal vielleicht sogar Monate.
Ich wünsche dies wirklich niemandem.
Eine spannende Frage, die sich mir aufdrängt, ist folgende:
Brauche ich die Antwort wirklich, oder brauche ich das Gefühl von Sicherheit, das ich mir durch die Antwort verschaffe?
Ich habe jetzt wirklich länger darüber nachgedacht und ich muss sagen …
Ich glaube, das eine schliesst das andere nicht aus.
Ich brauche beides.
Die Antwort kann mir die Sicherheit geben, die ich brauche. Aber sie kann auch eine neue Schleife ins Rollen bringen.
Ich weiss, das klingt kompliziert und vielleicht denkst du jetzt auch:
„Man, die macht sich das Leben aber schwer.“
„Was hat die denn für ein Problem?“
„Die ist sowas von kompliziert.“
„Man ist das ein Kontrollfreak.“
Und ja, das mag von aussen vielleicht so ausschauen.
Aber für mich fühlte es sich nicht an wie:
„Ich will alles kontrollieren.“
Sondern eher wie:
„Ich möchte wissen, woran ich bin, damit ich mich sicher genug fühle, um mit dem umzugehen, was kommt.“
Was passiert aber, wenn ich keine Antwort bekomme?
Hui …
Ehrlich, ich will mir das gar nicht vorstellen. Denn ich weiss genau, was dann passiert.
Und das ist nicht schön und nur schwer auszuhalten.
Mein Hirn und Nervensystem drehen im roten Bereich.
Es macht Überstunden.
Denkt nach, sucht nach Fakten, nach Bestätigung, nach Antworten, nach Sicherheit.
Und das kann so weit gehen, dass ich praktisch 24/7 damit beschäftigt bin, diese auch zu bekommen.
Ich überlege, wie ich an diese Antwort komme.
Ich nehme das Gespräch, die Situation noch einmal auseinander.
Schaue:
- Was ist passiert?
- Wo habe ich etwas übersehen?
- Ist mein Empfinden falsch?
- Habe ich etwas falsch verstanden?
- Habe ich eine falsche Sicht?
- Hab ich den Schuss nicht gehört?
- Bin ich zu kompliziert?
- Zu unfair?
- Zu egoistisch?
- Etc. pp.
Und wenn ich das alles so weit aufgedröselt habe, beginne ich einen Gesprächsleitfaden zu schreiben.
Weil ich weiss, dass ich in einem Gespräch, in dem es um etwas geht, meist zu nervös bin, um den Faden halten zu können.
Ich bin ja schon froh, wenn ich nicht in den Freeze oder Shutdown gehe.
Aber ich möchte, wenn möglich, meine Worte nicht verlieren.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus „Ich möchte verstehen“ langsam „Ich muss verstehen“ wird.
Denn solange die Antwort fehlt, kann mein Kopf nicht einfach sagen:
Okay, dann ist es eben gerade offen.
Er versucht weiter, etwas zu finden, womit er diese Unsicherheit beenden kann.
Und wenn ich es dann trotz allem nicht schaffe, das Ganze anzusprechen …
Ja, dann kannst du wieder oben beim Beitrag zu lesen beginnen. 😅
Aber wie kann ich lernen, mit dem Gefühl von Unsicherheit zu sein, ohne sofort eine Antwort finden zu müssen?
Ehrlich?
Gute Frage.
Ich habe das bis jetzt nicht herausgefunden.
Ich kann es dir wirklich nicht sagen.
Ich wünschte mir wirklich, dass ich darauf eine Antwort hätte.
Das würde es definitiv etwas leichter machen.
Danke, dass du ein Stück dieses Kapitels mit mir gegangen bist

Ich bin nicht ganz sicher, doch ich glaube, das ist normal. Wichtig wäre wohl, dass du lernst, dich nicht in Horror-Szenarien zu steigern.
Das geht viele Menschen so und es gibt ein Zitat, das sagt, dass man sich mehr schadet mit der Angst vor der Ungewissheit, resp. dass das mehr Energie braucht als dann zu handeln, wenn es soweit ist..
Naja, in dieser Ausprägung meine meine Therapeutin das es nicht normal sei. 🤷🏻♀️ Denn ich reagiere sehr körperlich auf diesen Inneren Druck. also wenn ich was nicht kontrollieren kann. Ein Thema offen bleibt, eine Situation. Aber ja, ich muss einen Weg finden wie ich das ändern kann. Ist aber nicht einfach und bin dran das raus zu finden.
Ja ich weiss… und trotzdem hab ich bin jetzt keinen Weg gefunden.
Das schon, darum schrieb ich ja, dass du Hilfsmittel brauchst, nicht in diese Spirale zu gelangen, die dich dann so fertig macht.
Wenn was besprochen wird und es für dich nicht fertig ist, würde ich das auf jeden Fall ansprechen und auf einer Antwort bestehen – ich weiss, du meinst, du darfst keinen Raum einnehmen, doch das musst du in solchen Fällen.
Immer wieder versuchen und irgendwann gehts besser.
Bist du überhaupt noch in Therapie? Habt ihr das schon mal besprochen?
Ja… ich weiss… Ich warte auf den perfekten Moment. Ich versuche alles so gut wie möglich vorzubereiten, und dann, trau ich mich trotzdem nicht. Aber ja, ich geb mir mühe und nimm jeden Tag aufs neue Anlauf aber ich schaff das einfach nicht. Und jetzt sind es dann 3 Woche. Irgendwann muss ich auch nicht damit ankommen.
Nein, Ende Juli 25 nicht mehr. Sie sagte ja das es angesagt ist das ich das alleine auf die reihe bekomme, weil die Gefahr bestehe das ich in eine Abhängigkeit gerate nach so langer Zeit. Also eigentlich wärs ja nur ne Pause gewesen bis ende Jahr, aber dann passierte ja was und ich konnte ich nicht mehr überwinden und hab dann Anfang Jahr entschieden das ich nicht mehr zu ihr kann und will.
Da kannst du warten bis du alt und grau bist – es gibt keinen perfekten Moment. Haben wir es nicht grad davon gehabt, wegen den Dingen, die man machen will und man soll nicht später oder wenn…, dann… sagen?
Wenn etwas für dich wichtig ist, ist es auch in zwei Jahren noch angebracht, es anzusprechen und du darfst ruhig anfangen mit: Ich traue mich kaum mit dir darüber zu sprechen.
Was ist denn das für ne Therapeutin? Ich war 14 Jahre in Therapie und wenn sie mir nicht so lange geholfen hätte, weiss ich nicht, wo ich heute wäre. Das ist doch kein verfickter Beinbruch, wo man nach x Tagen wieder belasten kann. Das geht bei jedem verschieden lang. Da würde ich mir an deiner Stelle nochmal einen Ruck geben und mir eine neue Therapie suchen. Aus deinen Erzählungen schliesse ich, dass du schon noch etwas Anleitung und Zuspruch brauchen kannst.