Hallo du liebe Seele 🤍
Heute ein bisschen spät mit diesem Beitrag, denn normalerweise bin ich am Vormittag mit dem dran. Heute durfte aber erst der Wochenrückblick online gehen. Jetzt, bevor ich ins Koma falle, versuche ich auf die neue Frage eine Antwort zu finden. 😅
Was bedeutet für dich „Heilung“? – Ein Ziel oder ein fortlaufender Weg?
Bis vor knapp zwei Jahren hätte ich sofort geantwortet:
Heilung ist ein Ziel.
Inzwischen habe ich verstehen dürfen, dass Heilung, so wie ich sie mir vorgestellt habe, nicht existiert.
Es ist nicht so, dass wenn ich alles lese, was mir in die Finger kommt, wenn ich nur alles verstehe, meine Muster, die Zusammenhänge, warum was passiert, und dann nach zehn Jahren Therapie einfach raus spaziere und geheilt bin.
Normal.
Und ehrlich, das war eine der schmerzhaftesten Lektionen in meinem Leben.
Nicht falsch verstehen: Lesen, sich informieren und versuchen, sich mit dem Gelesenen auseinanderzusetzen, ist nicht falsch. Aber es reicht nicht.
Ich will selbst ja auch immer alles wissen, analysieren und verstehen. Das brauche ich einfach, weil es mir eine gewisse Sicherheit und Kontrolle gibt. Die aber, so leid es mir tut, auch ihre dunkle Seite hat. Nämlich die, dass ich inzwischen auch verstehe, dass mir das nicht so hilft, wie ich das gerne hätte.
Inzwischen weiss ich, dass Heilung ein Weg ist. Ein Weg ohne Ziel.
Oder besser gesagt: ohne Endpunkt.
Ich denke, inzwischen ist es ein bisschen wie bei einem trockenen Alkoholiker. Nur weil es lange gut geht, bedeutet das nicht, dass man für den Rest seines Lebens in jeder Situation alles im Griff hat. Es kann Phasen geben, in denen alte Muster oder Ängste wieder stärker werden, in denen etwas einen einholt und einem plötzlich wieder aus der Hand gleitet.
Gewisse Trigger werden vielleicht wegfallen, andere werde ich besser im Griff haben. Ängste werden vielleicht leiser. Und dann gibt es vielleicht trotzdem Zeiten, in denen sie wieder mit voller Wucht zurückkommen, so wie in den letzten Jahren und Monaten.
Heilung bedeutet für mich deshalb nicht: Jetzt ist alles gut und bleibt auch so.
Sondern eher: Ich lerne immer besser, damit umzugehen. Und wenn es mich doch wieder erwischt, bedeutet das nicht, dass alles, was ich gelernt habe, plötzlich weg ist.
Vielleicht geht es bei der „Heilung“ darum, öfter gut zu uns zu sein. Liebevoller mit uns umzugehen. Nicht ständig mit uns selbst ins Gericht zu gehen.
Unsere Grenzen zu erkennen und sie liebevoll anzunehmen. Für sie einzustehen. Auch wenn die inneren Stimmen laut dagegen anschreien.
Und genau das lerne ich selbst noch. Ich bin noch lange nicht an dem Punkt, an dem mir das einfach gelingt. Ich kritisiere mich noch immer viel zu schnell, stelle mich selbst infrage und gehe oft härter mit mir ins Gericht, als ich es mit jedem anderen Menschen tun würde.
Aber vielleicht gehört auch genau das zum Weg. Nicht erst dann liebevoll mit mir zu sein, wenn ich es endlich „richtig“ kann, sondern auch dann, wenn es mir wieder einmal nicht gelingt.
Unsere Grenzen zu erkennen und sie liebevoll anzunehmen. Für sie einzustehen. Auch wenn die inneren Stimmen laut dagegen anschreien.
Heil sein heisst in meinem, in unserem Fall nicht: Irgendwann sind all die Trigger weg, Ängste sind verschwunden, Unsicherheiten haben sich verzogen. Das Nervensystem ist ganz souverän und steht über allem.
Es bedeutet vielmehr, damit selbst besser umgehen zu können.
Und wenn es Phasen gibt, die wieder besonders schwer sind, aus welchen Gründen auch immer, dann ist es eben so.
Annahme. Akzeptanz. Kein Kampf mehr.
Sondern das Wissen:
Es wird wieder anders.
Danke, dass du ein Stück dieses Kapitels mit mir gegangen bist

Bevor ich jetzt wieder einen Roman schreibe: Das deckt sich ziemlich mit meiner Erfahrung.
Heilung ist harte Arbeit und Wollen – man kann sich auch entscheiden Opfer zu bleiben. Davon kenne ich einige, muss jeder selber wissen.
In dem Moment als ich mich entschied, eine Therapie anzufangen, war ich da und wollte. Frustrierend war, dass ich jahrelang keine Diagnose bekam. Doch irgendwann war mir auch das nicht mehr wichtig. Da so offensichtlich klar war, dass ich Hilfe benötigte. Ich durfte meine Psychiaterin teilweise als Ersatz-Mutter haben, sie hat mir geholfen, erwachsen zu werden und für mich einzustehen. Den Umgang mit Menschen hat sie mir beigebracht, dass auch ich Raum einnehmen und Bedürfnisse haben darf. Halt all das, was man eigentlich daheim lernen sollte. Uns wurde jedoch nur beigebracht unsichtbar zu sein, damit es keinen Clash mit dem Vater gab. Ich neige auch heute noch dazu, zu erstarren, wenn mich jemand ungerechtfertigt anblafft. Ich habe The One 2.0 erschaffen wie ich gerne sein möchte und natürlich gibt es immer mal wieder da oder dort etwas anzupassen – wie du auch sagst, die Reise ist nie vorbei. Das ist aber bei NT-Menschen auch so. Es läuft nur einfacher ab für sie.
Das Gefühl, wenn man das Gelernte umsetzen kann, finde ich nach wie vor einfach nur fantastisch. Ich hätte nie gedacht, dass ich soweit aus der Depression verursacht durch die ganzen Umstände, herausfinden würde um halbwegs normal zu leben. Noch weniger hätte ich geglaubt einen Arbeitgeber zu finden, der mich arbeiten lässt, damit ich auch was leisten kann.
Es ist es wert, sich auf diese Reise zu begeben, man kann nur profitieren. Natürlich ist es auch wichtig, die richtige Person zu finden, die einem das alles gut vermitteln kann. Das ist manchmal nicht ganz einfach.
Und was du sagst…. Manche wollen Opfer bleiben. Da hast du recht. Wobei es eigentlich paradox ist, denn Opfer bleibst du immer, nur entweder halt selbstbestimmt und du versucht daraus das beste zu machen. oder du ergibst dich in dein Schicksal und gibst die Verantwortung für dein zukünftiges Leben ab. Aber so oder so. Opfer bin ich, war ich…
Uh, ich fühl das grad… Also das wegen dem anblafft. Von anschreien gar nicht zu reden. Nein, die Reise ist nie vorbei. Und klar, für NTs ist das auch so, nur grade bei denen erlebe ich öfters das sie denken, sie seien schon lange am Endpunkt angekommen.
Wenn es mir dann mal gelingt, etwas gelerntes umzusetzen, fühlt es sich für mich alles andere als fantastisch an… Eher wie, scheisse, was hast du wieder angestellt?! War das jetzt wirklich nötig? Ich wünschte mir das sich das irgendwann mal anders anfühlt.
Das freut mich das du einen so einen guten Arbeitgeber hast. Das ist selten. Grade heute in unserer Leistungsgesellschaft.
Und ja, ist es, also wert.