Leben mit einer PTBS

Bindungstrauma – Was ist das?

-3 bis 4 Grad

Guten Morgen meine liebe Seele,

nach dem ich gestern in Zürich war und etwas blauen Himmel und Sonne gesehen habe, bin ich hier wieder mit Reiff und dichtem Nebel aufgewacht. Es wär so schön wenn die Sonne nur ein kurzen Moment raus kommen würde. Ich würd mich anziehen, die Kamera schnappen und raus gehen, denn das gäbe so schöne Fotos wenn die Sonne in den Reiff scheinen würde… aber ich denke, das wird auch heute hier nicht passieren. Wie sieht das Wetter eigentlich bei dir aus?

Heute möchte ich aber wie die letzten Wochen über Trauma und verschiedene Themen schreiben. heute geht es um Bindungstrauma und was das eigentlich ist und was das mit mir zu tun hat.


Quelle | Unsplash

Bis vor 4 Jahren dachte ich, mit mir stimme etwas nicht. Das ich halt einfach so meine Macken habe, ich speziell, komisch bin. Ich sah und merkte ja das ich anders denke, mich anders verhalte, ich anders reagiere, also muss ich ja kaputt sein, denn die anderen verhielten sich alle gleich, also normal. Ich war halt immer zu überempfindlich, zu sensibel, manchmal gar hysterisch, zu kontrollsüchtig, gleichzeitig aber auch harmoniesüchtig, zu ängstlich, zu laut, zu vermeidend, zu ruhig, einfach entweder zu viel oder zu wenig. Und das schon als Kind.

Heute weiss ich, nicht ich bin kaputt, sondern die Familien- und Beziehungsdynamiken waren es. Mein Verhalten ist aus all den unsicheren Bindungen entstanden, den Ängsten die ich alleine habe aushalten müssen, der Stress über Jahre in der Kindheit mit dem ich alleine gelassen wurde und später auch in den Beziehungen. Dies hat mein Nervensystem auf Daueralarm und Schutz programmiert. Es ging nur ums überleben.

Ich verhalte mich auch heute noch oft sehr widersprüchlich wenn mein Bindungstrauma getriggert wird. Einerseits brauche ich Nähe, ja ich wünsch mir die so sehr, doch gleichzeitig schrillen die Alarmglocken und ich zieh mich zurück, dann kann ich, egal was mein Kopf mir sagt, die Schwelle nicht überwinden und Nähe zulassen. Dann sitze, stehe ich neben meinem Mann / Freund, Tochter, Sohn… meine Seele schreit nach Verbindung, nach Umarmung, doch mein Körper hat sich längst in sich zurück gezogen, aus Angst. Angst vor Verlust. Vor Schmerz und Demütigung. Aber auch aus Scham.

In den letzten 35 Jahren habe ich mein Leben und mich nach und nach so angepasst, also so gut es eben ging, das ich so wenig wie möglich getriggert wurde. Klappte natürlich nicht immer gleich gut, auch heute nicht. Grade in die Zeit mit den Kinder war sehr schwer, denn da kamen natürlich viele eigene Themen ans Licht die ich verdrängt habe, oder die neu ausgelöst wurden. Später ging’s einfacher, aber wirklich „gut“ wurde es erst als ich nicht mehr arbeiten konnte (2018) Da musste ich nicht mehr raus. Mich der Welt da draussen stellen. Jeden Tag kämpfen um zu funktionieren, zur Arbeit zu gehen, die Angst aushalten mich mit Menschen zu beschäftigen, arbeiten zu gehen… 5,5 Jahre hab ich dann mein Vermeidungsverhalten auf die Spitze getrieben, da war’s das erste mal möglich für mich, mich so zu schützen das es mir „gut“ ging. Corona und der Lockdown war da hinsichtlich der Erwartungen an mich die beste Zeit. Es kam keinem in den Sinn mich zu kritisieren das ich nicht raus konnte oder wollte, das brachte so viel Entspannung in die Sache. Wenn ich dann mal raus bin, war immer jemand bei mir. Alleine konnte ich nicht mehr raus. Ich war glücklich wenn ich einfach zu Hause sein konnte. Und mein Mann hat da auch nichts mehr forciert. Aber beziehungstechnisch, auch zwischen meinem Mann und den Kids und mir, war’s immer schwierig. Nicht weil wir immer gestritten hätten, nein, ich vermeide Konflikte wie der Teufel das Weihwasser. Ich passe mich an, ich schau was der andere braucht, fordere nichts um keine negative Reaktion auszulösen… Ach, es ist einfach so vielschichtig das Thema. Bindungstrauma / Entwicklungstrauma greift einfach in alle Lebensbereiche ein. Das ist nicht so wie bei einem Einzelereignis wo man in einem bestimmten Thema Schwierigkeiten hat und damit arbeiten kann. Es ist eben komplex. Ich kann hier nie alle Schichten aufdröseln, also so am Stück, nicht mal für mich.

Sonnenaufgang über dem Zürichsee | November 23

Veränderungen, ja auch die sind betroffen, denn eigentlich mag ich keine. Klar oder, denn das reisst mich aus meiner liebevoll gepflegten Vermeidungshaltung und so aus meine Komfortzone. Aber Veränderungen hat’s die letzten 3 Jahre mehr als genug gegeben und dann gleich die Grosse. Nicht nur so kleine, banale… Sondern wirklich die grossen. Wie den Tod meines Mannes, das plötzliche mit allem alleine klarkommen zumessen. Die Entscheidung, wie es weiter gehen soll. Dann, eine neue Liebe und jetzt zuletzt der Umzug. Schon kleine Veränderungen fühlen sich oft an wie Verlust, wie gross muss das Gefühl von Verlust also sein bei solch grossen Ereignisse? Aber warum fühlen sich denn Veränderungen wie Verluste an?

Für mich fühlen sich Veränderungen oft nicht wie Neuanfänge an. Sondern wie Abschiede. Selbst dann, wenn ich weiss, dass sie logisch, sinnvoll oder sogar notwendig und unaufhaltsam sind.

Etwas in mir zieht sich zusammen, noch bevor ich verstehen kann, was genau passiert. Mein Körper reagiert schneller als mein Kopf. Da ist diese plötzliche Schwere, eine leise, manchmal auch einen tiefe und schwere Traurigkeit, manchmal auch Angst und Panik. Nicht, weil ich etwas Konkretes verliere, sondern weil sich etwas verschiebt.

Ich habe lange gedacht, ich sei einfach nicht belastbar. Zu sensibel. Zu anhänglich. Und so weiter, das hab ich ja schon oben geschrieben. Klar, heute weiss ich: Mein Nervensystem hat gelernt, dass Veränderungen gefährlich sein können. Früher bedeutete Veränderung eben Unsicherheit. Nähe war alles andere als stabil. Zuwendung nicht verlässlich. Also wurde das, was gleich blieb, zu etwas, an dem ich mich festhalten konnte, ne sogar musste, nicht weil es gut war, sondern weil es vorhersehbar war.

Wenn sich heute etwas verändert, reagiert mein Inneres, als würde mir etwas weggenommen. Als müsste ich mich verabschieden, noch bevor ich weiss, wovon. Es fühlt sich an wie Verlust, weil mein System gelernt hat, lieber zu trauern als zu hoffen. Manchmal klammere ich mich innerlich fest. Manchmal ziehe ich mich zurück. Beides sind keine bewussten Entscheidungen, sondern alte Schutzreaktionen.

Sie wollten einmal verhindern, dass ich überrascht werde von Schmerz. Zu verstehen, dass das nichts mit Schwäche zu tun hat, war ein Wendepunkt.

Ich bin nicht falsch. Mein Körper erinnert sich.

Heute versuche ich, mir selbst zu erklären, was mein Nervensystem noch nicht weiss:

  • Dass Veränderung nicht automatisch Verlust bedeutet.
  • Dass Nähe bleiben kann, auch wenn sich etwas bewegt.
  • Dass ich nicht alles festhalten muss, um sicher zu sein.

Es gelingt mir noch nicht, aber ich arbeite daran das es besser wird.

Aber manchmal reicht es eben auch, zu merken: Das hier ist kein Abschied. Es ist nur Bewegung.

Was war es aber das diesen Dauerstress, diese Dauerverunsicherung und die Dauerangst ausgelöst hat?

Meine Mom | Ende 70er oder Anfang 80er Jahre

Nun, mein Vater war immer auf Streit aus. Es gab kein Tag wo nicht gestritten, geschrien oder manchmal auch gedroht wurde. Auch wir Kinder waren da betroffen . Dazu war er Jähzornig, da musste man eh immer aufpassen was man sagt, nicht sagt, macht oder nicht… Man war nie sicher.

Ich | 14 Jahre

Dazu kam, das ich mit der Angst aufgewachsen bin das meine Mutter irgendwann tot im Bett liegt, oder ich nach hause komme und sie nicht mehr da ist. Sie war schwer krank, ich hab sie nie gesund erlebt. Sie war öfters im Krankenhaus, auch längere Zeit und die Zeit die sie zu Hause war, konnte jeder Zeit was passieren. Sie war ungewollte emotional sehr oft nicht erreichbar. Wie denn auch. Ich will gar nicht wissen wie es in ihr ausgesehen hat, mit all ihren eigenen Ängsten und Sorgen. Der ganz grosse Verbindungsabruch kam dann mit einem Schlüsselereignis das mich völlig gebrochen, zerbrochen hat. Da war ihr Tod par Jahre später eigentlich nur noch der physische Verbindungsabruch. Da war ich 13.

Aber in der Zeit, spätestens, wär’s wichtig gewesen die Verbindung zu stärken, sei das von Vater’s Seite aus oder sonst Verwandten, aber nein, wir wurden alleine gelassen, ich persönlich wurde angegangen, ich soll mich doch gefälligst zusammen reissen und auf meinen Vater acht geben, der habe ja schliesslich seine Frau verloren. Ich übernahm die Rolle der Hausfrau und Mutter. Spätestens da war meine Kindheit zu Ende. Das dies nicht förderlich war für ein gesundes auswachsen sondern das Bindungstrauma noch verstärkte, welches ich schon lang entwickelt habe, ist wohl jedem klar.

Weil also Bindung nicht verlässlich war, lernt ich als Kind nicht nur:

  • Liebe kann entzogen werden
  • Stimmungsschwankungen bedeuten Gefahr
  • Anpassung sichert Beziehung

Ich habe etwas falsch gemacht.

Veränderung wird dann unbewusst übersetzt als: Schuldgefühl statt Neugier.

Während also andere einen kühlen Kopf bewahren und nicht gleich in allem eine Gefahr sehen, reagiert mein Körper so sensibel auf das kleinste Zeichen, (Tonfall, Körpersprache, kleine Änderungen im verhalten…) da kommt mein Kopf, mein Verstand, gar nicht mehr mir. Mein Nervensystem geht sofort in den Modus Veränderung, dies löst

  • Alarm
  • Verlustangst
  • Panik
  • Verunsicherung
  • Trauer (auch ohne realen Verlust) aus.

Nicht, weil ich übertreibe, sondern weil mein System lieber trauert als hofft. Klingt bescheuert? Unlogisch… pessimistisch? Nein, denn Trauer ist vertraut. Das kenne ich. Deshalb fühlt es sich an wie ein echter Verlust.

Mein Körper reagiert gleich:

  • Enge im Brustkorb
  • Herzklopfen bis zum Anschlag
  • Überbordende Gedanken
  • Leere
  • Rückzug (Dissoziation) oder Klammern
  • innere Unruhe
  • ect.

Biologisch gesehen: Veränderung = potenzielle Trennung = Überlebensbedrohung

Erst 2021 habe ich gelernt: Das all das einen Namen hat: Bindungstrauma.

Viele können sich nicht vorstellen das aus so einem Aufwachsen ein Trauma entstehen kann. Aber ein Bindungstrauma entsteht nicht durch ein einzelnes Ereignis. Es entsteht dort, wo Nähe unsicher war. Wo wir nicht wussten: Bin ich willkommen? Bin ich zu viel? Oder nicht genug? Bin ich sicher?

Es ist kein „Drama“, sondern ein leises, langes Lernen von: Ich muss aufpassen, um geliebt zu werden.

Wenn Bezugspersonen emotional nicht erreichbar sind macht das viel kaputt. Und du als Kind kannst nichts, aber auch gar nichts tun. Denn es wäre die Aufgabe von Eltern, sonstigen Verwanden oder vielleicht auch von Freunden. Wenn also Bezugspersonen emotional nicht erreichbar sind, Trost fehlt, oder Bedingungen geknüpft sind oder sonst Unterstützung fehlt, dann lernt ein Kind nicht  Ich bin sicher.

Sondern: Ich muss mich anpassen.

Du fragst dich was dies nun für’s Erwachsenenleben bedeutet?

Beispiel:

Bindungstrauma zeigt sich oft nicht dort, wo man es erwartet. Ja, nicht mal für mich, auch heute noch bin ich immer wieder überrascht wie viele Bereiche es betrifft.

Besonderes aber zeigt es sich in Beziehungen. Eigentlich logisch oder? Als Baby, aber auch später als Kind sind wir so abhängig von unseren Eltern, oder anderen Bezugspersonen. Ohne sie wäre ein Überleben nicht möglich.

Später dann, in Erwachsenenbeziehungen, macht sich das Bindungstrauma mit folgenden Dingen bemerkbar…

  • In Verlustangst
  • Im Rückzug
  • Im ständigen Scannen nach Gefahr.
  • In dem Gefühl, nie ganz ankommen zu dürfen

Einerseits bedeutet Nähe für mich Sicherheit, aber gleichzeitig löst sie bei mir Angst aus.

Aber all das ist kein Charakterfehler meinerseits, keine Schwäche, sondern Schutz. Was sich heute wie ein Hindernis anfühlt, und natürlich auch ist, war früher eine Lösung. Es hat mir das Überleben gesichert.

Um all das zu heilen ist der erste Schritt also ist nicht Veränderung, sondern Verständnis.

4, 5 Jahren Therapie haben mich hier hin geführt. Ich hab vieles gelernt, über mich, was all das mit mir gemacht hat und warum. Das ich keine Schuld daran trage. Ich konnte nicht anders. Jetzt geht es daran es zu akzeptieren, zu lernen wie du Muster / Trigger greifen und ich lerne damit umzugehen und sie dann auch zu verändern. Mein Nervensystem umzuprogrammieren braucht einfach Zeit und viele positive neue Erfahrungen.


Danke das du bis zum Schluss dabei geblieben bist. Und Entschuldigung das es so viel länger wurde als gewollt und vielleicht auch etwas unstrukturierter als üblich. Aber dabei geht mir immer sehr viel durch denk Kopf, vieles muss ich irgendwie zusammen tragen, weil vieles verdrängt wurde, über anderes könnte ich viel mehr erzählen aber ich kann’s nicht wirklich in Worte fassen. Und dennoch hoffe ich einen klein bisschen Licht in dieses Thema gebracht zu haben.

Ich wünsche dir einen schönen Nachmittag, der 2. Beitrag verschiebe ich auf ein andermal, da dieser Beitrag jetzt so viel länger gedauert zum schreiben als gedacht.

Morgen lesen wir uns wie üblich zum Beitrag „Hand auf’s Herz

Alles Liebe, Alexandra

2 Gedanken zu „Bindungstrauma – Was ist das?“

  1. Guten Morgen liebe Nicole

    Danke, ich bin mir immer total unsicher und meist verschlimmbessere ich es wenn ich mich nicht zusammenreissen kann und rum korrigiere. Aber schön das es verständlich rüber kommt. Naja, erkannt hab ich es ja nicht, erst in der Therapie. Hat also ganz schön gedauert.

    🫂 Ich wünsch dir ein schönes Wochenende und auch ich, in Gedanken bin ich bei dir.

    Alexandra

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  2. Liebe Alexandra
    Das hast Du sehr gut beschrieben! Und ich kann Dich so gut verstehen, denn auch ich habe eine gehörige „Ladung“ Bindungstrauma im Gepäck und weiß, wie schwierig es ist, damit umzugehen und zu leben – und vor allem das überhaupt zu erkennen…
    In Gedanken bei Dir, Nicole

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