📅 5. November 2026
🌫️ Mein System braucht Zeit, 4-11 °C
Hallo du liebe Seele 🤍
Wir reden so oft und gerne davon, vorwärtszukommen. Davon, zu wachsen, uns weiterzuentwickeln, zu heilen und irgendwann an einem Punkt anzukommen, an dem wir ein bisschen mehr verstanden haben als gestern.

Wir lesen, lernen, reflektieren, hinterfragen. Wir beschäftigen uns mit unseren Mustern, unseren Triggern, unseren Reaktionen. Wir versuchen zu verstehen, weshalb wir sind, wie wir sind, und was wir verändern können, damit es uns irgendwann besser geht.
Und irgendwann wird aus diesem Wunsch nach Veränderung etwas, das uns ständig begleitet.
Gerade befinde ich mich in einer Phase, in der ich einfach nur noch müde bin. Müde vom Analysieren, vom Verstehenwollen, vom Optimieren und Heilen. Nach all den Jahren Therapie, nach vielem Lesen und der Arbeit an mir selbst frage ich mich zunehmend, ob ich eigentlich jemals an einem Punkt ankommen darf, an dem ich einfach sagen kann: Es ist genug.
Ich habe Dinge erkannt. Ich habe Veränderungen geschafft. Ich kann in gewissen Situationen anders reagieren als früher. Nicht perfekt, aber anders. Manche Dinge habe ich vielleicht sogar schon integriert.
Und trotzdem tauchen immer wieder neue Herausforderungen auf. Neue Trigger, neue Fragen, neue Dinge, die ich verstehen und bearbeiten könnte.
Manchmal fühlt sich das an, als wäre ich ständig eine Baustelle. Als müsste ich immer noch ein bisschen besser werden, noch etwas verstehen, noch etwas verändern.
Aber was, wenn Wachstum manchmal gar nicht bedeutet, vorwärtszugehen?
Was, wenn ich stehen bleibe? Oder sogar einen Schritt zurückmache? Wenn ich plötzlich Dinge nicht mehr schaffe, die mir früher selbstverständlich erschienen? Wenn ich einfach müde bin und keine Energie mehr dafür habe, mich ständig selbst zu beobachten und zu hinterfragen?
Was, wenn ich nicht mehr wachsen möchte, zumindest nicht auf diese Weise?
Vielleicht muss ich nicht erst vollständig geheilt sein, um mit mir selbst Frieden schliessen zu dürfen. Zumal vollständige Heilung ohnehin eine Utopie ist.
Vielleicht darf ich auch jetzt schon versuchen, mich selbst anzunehmen. Mit allem, was ich mitbringe, und mit dem, was mir eben nicht gelingt
Wenn aus Selbstarbeit ein ständiges Verbessern wird
Ich frage mich manchmal, wie viel Zeit und Energie ich damit verbringe, eine bessere Version von mir zu werden. Ich war schon immer sehr reflektiert. Die Therapie hat das dann nochmals intensiviert. Aber seit ich in meiner neuen Beziehung bin, sind es Stunden, jeden Tag. Und das jetzt schon seit 19 Monaten.
Wie lange dauert es noch, bis ich eine Version von mir bin, die weniger triggert, weniger Schwierigkeiten hat, besser mit Situationen umgehen kann und vielleicht auch für andere angenehmer ist?
Und was, wenn ich dabei manchmal vergesse, mit der Frau zu leben, die ich bereits bin?
Das ist ein Gedanke, der mich jetzt schon einige Wochen beschäftigt. Vielleicht auch deshalb, weil ich merke, wie schwer es mir fällt, einfach einmal stehen zu bleiben und zu sagen: Ich habe so viel an mir gearbeitet. Ich habe so vieles erkannt und verändert. Ich darf jetzt auch einfach leben.
Nicht erst irgendwann, wenn alles besser ist. Nicht erst, wenn ich geheilt bin, wenn ich alles perfekt im Griff habe.
Sondern jetzt.
Ich möchte mich nicht ständig rechtfertigen müssen
Manchmal merke ich, wie schwer es mir fällt, mir selbst etwas zu erlauben.
Ein ruhiger Tag beispielsweise.
Gestern habe ich zwei Waschmaschinen gemacht. Ich habe nicht geputzt, nicht gesaugt. Ich habe eine Serie geschaut, geschrieben und diesen und noch einen anderen Blogbeitrag vorbereitet. Am Nachmittag lag ich im Bett.
Und es war okay.

Bis mein Freund nach Hause kam.
Er bedankte sich fürs Waschen und Putzen. Und plötzlich rechtfertigte ich mich. Ich sagte, dass ich ja nur zwei Waschmaschinen gemacht und nicht geputzt hätte.
Dabei hatte er mich gar nicht kritisiert.
Er meinte lediglich, dass er hoffe, ich hätte mich vom Dienstag, an dem ich wegen der Wohnungsbesichtigung geräumt und geschleppt hatte, erholen können.
Und trotzdem veränderte sich danach etwas. Seine Stimmung wirkte auf mich distanzierter, seine Ausstrahlung anders als sonst. Ich weiss nicht, weshalb. Vielleicht hatte es mit meinem Tag zu tun, vielleicht auch nicht.
Aber plötzlich war meine eigene Zufriedenheit nicht mehr ganz so selbstverständlich.
Ich fragte mich, ob ich zu wenig gemacht hatte. Ob er enttäuscht war. Ob ich etwas hätte anders machen sollen. Und ich schämte mich, nicht produktiver gewesen zu sein.
Und genau solche Situationen machen es mir schwer.
Nicht unbedingt, weil jemand tatsächlich etwas von mir verlangt. Sondern weil ich offenbar so schnell bereit bin, mich selbst zu erklären und zu rechtfertigen.
Als müsste ich beweisen, dass mein Tag trotzdem ausreichend war.
Mein Leben sieht im Winter anders aus
Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich mich im Winter oft zurückziehe.
Ich bin einfach nicht gerne draussen, wenn es kalt ist. Ich friere schnell und manchmal so sehr, dass ich nach einem Einkauf oder einem Spaziergang stundenlang nicht mehr richtig warm werde. Manchmal begleitet mich dieses Frieren sogar den ganzen Tag. Und manchmal sogar, ohne dass ich draussen war.
Ich bin warm angezogen, wenn ich nach draussen muss. Und trotzdem ist es für mich unangenehm.
Und auch wenn ich mich zu Hause dann einkuschle, manchmal sogar mit Schal und Strickmantel, friere ich den ganzen Tag. Darum vermeide ich es, so gut es geht, rauszugehen.
Dazu kommen die Tage, an denen es mir körperlich oder seelisch nicht gut geht. Nach einer besonders anstrengenden Zeit, nach Stunden im Krankenhaus oder wenn Schmerzen und Erschöpfung wieder stärker sind, geht manchmal tatsächlich gar nichts mehr.
Aber das ist nicht dasselbe.
Ich lasse meinen Haushalt nicht einfach liegen. Ich kaufe ein, koche, wasche, putze. Ich mache Dinge, die erledigt werden müssen.
Ich bin nur nicht gerne draussen unterwegs.
Und ich weiss, dass viele das nicht verstehen. Manchmal wird mir auch gesagt, das sei alles im Kopf. Als würde ich mich herausreden wollen, um nicht nach draussen gehen zu müssen.
Vielleicht ist es für jemanden, der gerne draussen ist und nicht so friert wie ich, tatsächlich schwer nachzuvollziehen.
Aber muss ich deshalb anders sein wollen?
Wenn mein Freund im Winter gerne zu Hause bleiben würde, würde ich nicht automatisch denken, dass er mehr aus seinem Leben machen müsste. Ich würde es vermutlich einfach als seine Art betrachten, diese Jahreszeit zu verbringen.
Warum fällt mir das bei mir selbst manchmal so schwer?
Was, wenn ich nicht mehr alles verändern muss?
Ich will gar nicht aufhören mich weiterzuentwickeln.
Ich möchte verstehen, was in mir passiert. Ich möchte an unserer Beziehung arbeiten, wenn etwas nicht stimmt. Ich möchte Veränderungen zulassen, wenn sie mir guttun.
Aber ich glaube inzwischen, dass Weiterentwicklung nicht zwingend daraus entsteht, dass ich mich ständig beobachte, analysiere und hinterfrage. Manchmal geschieht sie ganz von selbst. Durch Erfahrungen, durch Begegnungen, durch Gespräche oder durch Dinge, die ich plötzlich anders sehe als noch gestern. Vorausgesetzt, ich bin offen dafür.
Was mich müde macht, ist nicht die Weiterentwicklung an sich. Es ist dieses ständige Beobachten meiner selbst. Dieses Hinterfragen, ob ich richtig reagiert habe, ob ich etwas hätte anders machen müssen, ob ich wieder etwas falsch gemacht habe. Und dieses schlechte Gewissen, das manchmal gleich mitkommt, wenn ich nicht so funktioniere, wie man es von mir erwartet. Oder wie ich es selbst von mir erwarte.
Ich möchte nicht jede Situation im Nachhinein auseinandernehmen müssen. Nicht jedes Gefühl auf seine Herkunft überprüfen. Nicht jede Reaktion als etwas betrachten, an dem ich noch arbeiten sollte.
Vielleicht muss ich nicht ständig an meiner Entwicklung arbeiten, damit Entwicklung stattfinden kann. Vielleicht darf ich einfach leben und dabei wachsen.
Und eigentlich wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass mich mein Mann und andere Menschen einfach akzeptieren. Mit meinen Schwierigkeiten, meinen Grenzen, meinen Eigenheiten und allem, was mich manchmal kompliziert macht.
Ich möchte nicht ständig Angst haben, zu viel oder zu wenig zu sein. Falsch zu reagieren, zu viel zu brauchen oder nicht so zu sein, wie andere mich vielleicht gerne hätten.
Ich möchte mich nicht immer erklären müssen. Und ich möchte auch nicht das Gefühl haben, dass ich erst etwas verändern muss, damit ich angenommen werden kann.
Aber wenn ich ehrlich bin, kann ich mir selbst diese Akzeptanz nicht einmal geben.
Ich hinterfrage mich, beobachte mich, zweifle an mir und mache mir Vorwürfe. Manchmal wünsche ich mir von anderen etwas, das ich mir selbst kaum zugestehe.
Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Erkenntnisse überhaupt.
Dass ich mir wünsche, einfach sein zu dürfen, und gleichzeitig selbst immer wieder versuche, anders zu sein.
Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich mich als Mensch ständig verbessern muss, damit ich eine gute Partnerin bin.
Ich möchte nicht immer überlegen müssen, ob ich zu viel von etwas bin oder zu wenig von anderem. Ob ich mich anders verhalten sollte, mehr unternehmen müsste oder mich weniger zurückziehen dürfte.
Und ich möchte auch nicht jedes Bedürfnis, das vielleicht jemand anderes nicht versteht oder nicht teilt, erst innerlich verhandeln müssen.
Vielleicht ist das ein Teil dessen, was ich gerade lernen darf.
Nicht alles, was ich an mir entdecke, muss sofort verändert oder repariert werden.
Nicht jede Eigenheit ist ein Problem.
Nicht jeder Rückzug bedeutet, dass etwas mit mir nicht stimmt.
Und nicht jeder Tag muss produktiv sein, um ein guter Tag gewesen zu sein.
Was, wenn Wachstum auch bedeutet, stehen zu bleiben?
Oder nicht noch einen Schritt weiterzugehen.
Vielleicht bedeutet es einfach auch, stehen zu bleiben und zu erkennen, wie weit man bereits gekommen ist.

Und schön wäre es, wenn es bedeuten würde, mich nicht mehr für jede Schwäche, jede Grenze und jedes Bedürfnis verurteilen oder rechtfertigen zu müssen. Nicht immer selbst daran zu zweifeln.
Vielleicht bedeutet es auch, nicht mehr ständig an sich herumzuwerkeln, sondern sich selbst auch einmal in Ruhe zu lassen.
Und wer weiss, vielleicht bedeutet es vor allem, sich nicht erst dann ein gutes Leben erlauben zu dürfen, wenn man eine bessere Version seiner selbst geworden ist.
Ich weiss noch nicht genau, wie das geht.
Und ehrlich, ich muss es auch nicht sofort wissen.
Vielleicht darf ich mir einfach erst einmal erlauben, stehen zu bleiben.
Ob das ein Rückschritt ist? Ich weiss es nicht. Es fühlt sich so an. Vielleicht ist mein Lernfeld im Moment, zu erkennen, dass genau das kein Rückschritt ist.
Sondern ein anderer Teil meines Weges.
Danke, dass du ein Stück dieses Kapitels mit mir gegangen bist
