Fantastische Illustration eines Sees in der Abenddämmerung mit Blumenwiese, leuchtender Laterne und weitem Himmel. Das Bild dient als Kategorienbanner für „Trauer & Abschied“.
Leben & Heilung

Er ist endgültig weg

📅 10. Dezember 2024
☁️ Erinnerungen sind heute näher, 1-4 °C

Hallo du liebe Seele 🤍

Geht es dir gut? Bist du gesund und munter?

Hier rundherum, also bei Freunden, Bekannten und so, sind alle etwas angeschlagen. Mir geht’s soweit gut. Nicht erkältet und sonst auch keine Beschwerden. Bin also zufrieden und glücklich.

Wenn du auch zu den Unglücklichen gehörst, die mit Husten und/oder Schnupfen oder vielleicht noch etwas Schlimmerem durch die Tage seuchen, dann wünsche ich dir von Herzen gute Besserung. ☕️

Heute soll es aber um etwas anderes gehen. Um etwas, das mir in den letzten Tagen so richtig bewusst wurde und mich seitdem durch die Tage begleitet.


Ja, es ist schon, oder erst?, ich weiss es nicht so genau, 19 Monate her, dass mein Mann völlig unerwartet verstorben ist.

Ich sehe diese Bilder noch immer in meinem Kopf und ich kann den ganzen Ablauf noch immer genau schildern.

Kurz nach vier in der Früh schrecke ich aus dem Schlaf auf. Ein dumpfer Schlag.

Mein Mann nicht im Bett.

Im Flur brennt Licht.

Ich rufe meinen Mann. Keine Antwort.

Ich springe aus dem Bett, rufe noch einmal und sehe ihn schon im Eingangsbereich auf dem Boden liegen. Nach Luft ringend und mit aufgerissenen Augen.

Er schlägt um sich. Ich nehme an, dass es Reflexe waren, denn ansprechbar war er nicht.

Er lag so verdreht da, dass ich ihn in die Seitenlage bringen musste. Aber ich schaffte es nicht. Knapp zwei Meter gross und knapp 100 Kilo drehst du nicht einfach mal so locker um.

Also rannte ich zu meinem Sohn, weckte ihn auf und wir brachten ihn dann zusammen in die Seitenlage.

Während ich bei meinem Mann sass, ihn beruhigte und schaute, dass er nicht erstickt, telefonierte mein Sohn mit dem Rettungsdienst.

Gefühlt brauchten die Sanitäter eine halbe Ewigkeit, bis sie da waren.

Aber als sie ankamen, ging alles Schlag auf Schlag.

Ich sehe noch, wie die Notärztin meinen Mann intubiert und sich dabei an mich wendet und Fragen stellt. Die vier Sanitäter, die gleichzeitig mit der Notärztin eintrafen, legten das EKG an und versuchten, Infusionen zu legen.

Irgendwie hörte keiner richtig zu, denn ich sagte noch, dass sie an den üblichen Stellen keinen Zugang finden würden.

In der Zwischenzeit zog mich mein Sohn ins Wohnzimmer. Er wollte nicht, dass ich mir das ansehe. Jemand anderes meinte, ich solle mich hinsetzen.

Ich konnte nicht.

Ich wollte wenigstens in der Nähe meines Mannes sein.

Dann kam noch die Feuerwehr.

Gedacht waren sie für den Transport durch das Treppenhaus. Unsere Treppe ist ziemlich eng, mein Mann gross und schwer, darum wurden sie angefordert.

Alle kämpften um das Leben meines Mannes.

Über 50 Minuten lang.

Das ist mehr als normal.

Ich wusste schon nach 20 Minuten, dass es vorbei ist.

Ein Sanitäter kam und sprach mit uns. Er meinte, normalerweise würden sie das beenden, da mein Mann schon viel zu lange nur noch eine Sauerstoffsättigung von 35 Prozent hatte.

Aber da sie nicht wussten, was los war und warum er auf gar nichts reagierte und er eigentlich noch jung war, versuchten sie noch einmal weiterzumachen.

Sie wussten nur, dass es weder ein Herzinfarkt noch ein Schlaganfall war.

Dann kam der Moment, in dem auch sie sagen mussten: Es hat keinen Sinn mehr.

Selbst wenn er jetzt wider Erwarten zurückkommen würde, hätte er schwerste Gehirnschäden.

Und so war es klar.

Jetzt war es offiziell vorbei.

Mein Mann ist tot.

Ich sehe ihn noch heute, wie er da lag.

Ich durfte nicht zu ihm, weil erst noch die Polizei kam und dann die Rechtsmedizin.

Ich weiss noch, wie sich der eine Polizeibeamte benommen hat. So ein Arsch.

Und der andere, ein Frischling, wusste nicht wirklich, wie er sich in so einer Situation verhalten sollte. Er tat mir sogar leid.

Das Gespräch mit der Kriminalbeamtin dafür war angenehm, wenn man das so sagen kann. Sie nahm sich Zeit, erklärte mir, warum jetzt auch die Kriminalpolizei involviert war und was nun passieren würde und wie alles ablaufen würde.

Als dann alles durch war, auch die erste Leichenschau, durfte ich endlich zu meinem Mann.

Ich setzte mich neben ihn, sprach mit ihm, streichelte und küsste ihn und nahm seine Hand.

Ich legte mich kurz zu ihm, bis dann die Bestatter kamen und ihn mitnahmen, um ihn in die Rechtsmedizin zu überführen.

Mir tat das so leid.

So unwürdig.

Nackt auf dem Boden liegend. Klar, er war mit einem Papiertuch zugedeckt, aber dennoch.

Das hat mir lange zu schaffen gemacht.

Aber auch darum geht es heute eigentlich nicht.

Sondern um ein Gefühl.

Um ein Bewusstsein, das in den letzten Tagen tief in meine Seele gesunken ist.

Der Titel sagt genau das, was mir vor einigen Tagen bewusst wurde.

Schon damals als Kind hatte ich Angst davor, zu vergessen.

Zu vergessen, wie meine Mom klingt. Wie sie riecht. Wie sich ihre Stimme anhört. Und wie es sich anfühlt, von ihr in den Arm genommen zu werden.

Auch dieses Mal hatte ich vor diesem Moment Angst.

Während man am Anfang noch sehr nahe ist, der Kontakt noch irgendwie vorhanden ist, wusste ich, dass irgendwann der Moment kommt, in dem ich merke:

All das ist verloren.

Dass ich es nicht mehr bewusst heraufbeschwören kann.

Den Duft.

Die Stimme.

Oder wie es sich angefühlt hat, von ihm in den Arm genommen zu werden.

Während ich eine ganz lange Zeit immer noch dachte oder es sich zumindest so anfühlte, als würde er bald wieder nach Hause kommen, so als wäre er einfach länger mal weg, ist es jetzt anders.

Jetzt ist er wirklich weg.

Es ist nicht mehr so, dass ich mich dabei erwische und denke:

Ach, jetzt kommt er dann gleich zur Tür rein.

Nein.

All das ist nicht mehr da.

Es ist auch nicht mehr unser Zuhause, sondern meins.

Es riecht nichts mehr nach ihm.

Auch die Kleider, die ich noch behalten habe, haben längst ihren Duft verloren. Sie riechen entweder frisch gewaschen, weil sie neben meinen Kleidern liegen, oder sie riechen nach mir.

Auch in der Wohnung ist die Energie nicht mehr dieselbe.

Seine ist definitiv weg.

Ich weiss nicht, wann das passiert ist.

Ich war ja bis vor drei Monaten immer noch mit dem Ausmisten seiner Sachen beschäftigt. Da war es vielleicht auch schon so. Aber weil ich mich immer noch viel mit seinen Dingen beschäftigt habe, fiel es mir vielleicht nicht auf.

Aber jetzt, wo alles erledigt ist, auch alles Amtliche, und ich zur Ruhe komme und nicht ständig abgelenkt bin, traf mich dieses Bewusstsein doch ziemlich hart. 🥺

Klar, er ist da.

Die Urne steht da. Erinnerungsstücke hängen an der Wand. Sein Foto schaut jedem in die Augen, wenn man es betrachtet.

Aber auch sonst gibt es Dinge in der Wohnung, die an ihn erinnern.

Und schlussendlich lebten wir auch zusammen hier.

Aber ER ist nicht mehr hier.

Und das macht mich gerade so richtig traurig.

Mal sehen, wie die kommende Zeit noch wird.

Ich hoffe, dass diese Traurigkeit nicht zu lange anhält.


Oh Mann, jetzt nahm dieser Beitrag einen ganz anderen Weg, als ich ihn eigentlich geplant hatte.

Aber das floss jetzt einfach so aus mir heraus.

Anscheinend musste es noch einmal gesagt, noch einmal erzählt werden.

Wenn du bis hierhin gelesen hast, dann danke ich dir von Herzen fürs Zuhören, also eher fürs Zulesen. 🫶🏻

Das ist nicht selbstverständlich, gerade bei einem solchen Beitrag, der doch auch unangenehm sein kann.

Also danke.

Es bedeutet mir viel.

Und nein, es geht mir nicht darum, bemitleidet zu werden.

Ich wollte es einfach mal loswerden.

Danke, dass du ein Stück dieses Kapitels mit mir gegangen bist

7 Gedanken zu „Er ist endgültig weg“

  1. Hallo liebe Alexandra!

    Uih, das ist harter Tobak und ich denke, du hast dich richtig in einer Schockstarre befunden. All das zu bewältigen, erfordert viel vile Kraft. Aber du hast es bis hierher geschafft.

    Trauer bringt nun mal viele Emotionen mit sich: Schmerz, Wut, Schuld oder Verzweiflung. Und dann ist es wichtig, diese Gefühle zu akzeptieren und auszudrücken, statt sie zu verdrängen. Weinen, Schreiben oder Reden können befreiend wirken!!!

    Denke immer daran, dass dein Mann nie ganz weg ist. Er ist in deinen Gedanken und in deinem Herzen.

    Alles Liebe für dich

    Anne

    1. Liebe Anne,

      es tut mir leid das ich dir erst heute Antworte, denn dein Kommentar rutschte in den Spam Ordner und ich hab es erst heute gesehen. Warum auch immer das passiert ist… Sorry dafür.

      Ja, es war wirklich schlimm, aber wie gesagt, ich hatte Glück, und meine Therapeutin war zur Stelle, die kam mich damals 3 mal innert 10 Tagen bei mir zu Hause besuchen. Hätte ich das nicht gehabt, keine Ahnung wie es mir gegangen wäre oder wo ich heute stehen würde.

      Ja, klar, das weiss ich. Er wird immer an meiner Seite sein, im Herzen und in den Gedanken.

      Liebe Grüsse und danke für deine Worte.
      Alexandra

  2. Trauer kommt in Wellen – an manchen Tagen geht man seinen Weg, an manchen Tagen ertrinkt man im Meer der Traurigkeit. Es wird besser, es wird anders – aber nie mehr so, wie es war. ♥

  3. Ach je – das muss wirklich ein seltsames Gefühl sein. Ich hab bisher noch niemand so nahes verloren. Ich denke, selbst wenn meine Eltern sterben, ist das anders. Wir telefonieren zwar täglich, sehen uns aber nur noch paar mal im Jahr. Aber mein Partner. Nach fast 25 Jahren. Und dann die Erkenntnis – er ist wirklich weg.

    Ich frage mich, ist auch ein Stück Erleichterung dabei? Nicht dass er weg ist, sondern, dass es bei dir weiter geht?

    Ich lass ein Drücker da.

    1. Hallo Rina,

      ja, das ist es wirklich. Und obwohl ich das schon kenne, von meiner Mutter, einen Grosseltern, war das jetzt dennoch noch mal wirklich hart. Ist es doch noch mal ein klein bisschen anders. Nur schon von dem her das ich über die hälfte meines Lebens mit ihm verbracht habe. Und meine Mutter war „nur“ 13 Jahre ein Teil meines Lebens.

      Aber das ist schön das ihr wirklich täglich telefoniert. So halte ich das mit meiner Tochter ja auch. Sie ruft mich mehr mal’s am Tag an. Sehen tun wir uns auch noch so oft, vielleicht maximal 1 mal im Monat. Aber ja, ein Partner ist auch noch mal was ganz anderes. Es ist ne ganz andere Verbindung und Liebe… von daher.

      Gut die Erkenntnis ist ja rein vom Kopf her ja schnell da. Aber das Fühlen find ich viel schlimmer. Verstandes mässig ist halt so, neutral, steril. Es ist einfach ein Wissen, so wie man weiss das 2 + 2 4 ergibt.

      Erleichterung 🤔 Gute Frage. Kommt vielleicht noch, im Moment hab ich immer noch ein wenig ein schlechtes Gewissen. Nicht mehr so stark wie noch vor nem halben Jahr aber es ist immer noch da.

      Danke für für die Umarmung. 🤗

      Wünsch dir einen schönen Mittwoch und lass dir liebe Grüsse da.

      Alexandra

Danke, dass du dir Zeit für diesen Beitrag genommen hast. Wenn du magst, hinterlass mir einen Kommentar – ich freue mich auf deine Gedanken.